Planungsgrundlage für kompetenzorientierten Fremdsprachenunterricht

Von der Lernaufgabe zur Einheit

Ein evidenzbasiertes Grundgerüst für die Einheitenplanung

Kompetenzorientierter Fremdsprachenunterricht beginnt nicht beim Lehrwerk, sondern bei der Frage: Was sollen die Lernenden am Ende können, und für wen? Diese Seite bietet ein strukturiertes Grundgerüst, mit dem sich Unterrichtseinheiten von der Lernaufgabe her planen lassen. Das Lehrwerk bleibt dabei als Ressource erhalten; es diktiert aber nicht mehr den Gang des Unterrichts. Jeder Planungsbereich lässt sich anklicken, nachlesen und mit eigenen Notizen versehen. Am Ende kann die gesamte Planung ausgedruckt werden.

Bevor du eine Einheit von Grund auf planst, kann es sinnvoll sein, die Lehrwerkseinheit zunächst systematisch zu analysieren. Der folgende Prompt ist dafür gedacht, Fotos der relevanten Lehrwerksseiten zusammen mit dem Prompt in eine KI zu laden. Die KI untersucht dann die Einheit auf kommunikativen Gehalt, Lernaufgabe, Wortschatzarbeit und Kompetenzorientierung und gibt eine Einschätzung, was brauchbar ist, was angepasst werden sollte und was ersetzt werden kann.

So geht es: Prompt kopieren, Fotos der Buchseiten machen (alle Seiten der Unit, inkl. Workbook-Seiten falls relevant), beides zusammen in Claude, ChatGPT oder ein anderes Tool laden, und die Analyse lesen. Das Ergebnis kann dann als Ausgangspunkt für die Planung mit diesem Grundgerüst dienen.

Prompt zum Kopieren
Im Anhang findest du Fotos einer Lehrwerkseinheit (Unit) für den Fremdsprachenunterricht. Bitte analysiere die gesamte Einheit systematisch nach den folgenden Kriterien. Antworte auf Deutsch.

1. LERNAUFGABE (UNIT TASK)
Gibt es eine Lernaufgabe am Ende der Unit? Wenn ja: Hat sie einen echten kommunikativen Sinn, also einen realistischen Adressaten und einen Zweck jenseits der Notengebung? Oder ist sie nur eine verkleidete Grammatik- oder Schreibübung? Bewerte die Qualität der Lernaufgabe und schlage gegebenenfalls eine bessere Alternative vor, die das Thema der Unit aufgreift.

2. KOMPETENZORIENTIERUNG
Welche kommunikativen Teilkompetenzen (Hörverstehen, Leseverstehen, Sprechen, Schreiben, Sprachmittlung) werden in der Unit tatsächlich gefördert? Gibt es ein erkennbares Gleichgewicht, oder dominiert eine bestimmte Kompetenz? Welche Kompetenzen kommen zu kurz?

3. FOUR STRANDS (nach Paul Nation)
Schätze die Verteilung der Unterrichtszeit auf die vier Stränge:
- Meaning-Focused Input (Lesen/Hören zur Informationsentnahme)
- Meaning-Focused Output (Sprechen/Schreiben mit kommunikativem Zweck)
- Language-Focused Learning (gezielte Arbeit an Grammatik, Wortschatz, Aussprache)
- Fluency Development (flüssiges Anwenden von bereits Bekanntem)
Ist die Verteilung ausgewogen (je ca. 25%), oder gibt es eine starke Verzerrung?

4. WORTSCHATZ UND LEXIKOGRAMMATIK
Wie wird Wortschatz in der Unit behandelt? Werden Wörter isoliert als Listen eingeführt, oder im Kontext als Chunks und Kollokationen? Gibt es Hinweise auf tiefe Verarbeitung (Involvement Load, TOPRA) oder nur oberflächliches Auswendiglernen? Wird Spaced Practice oder Recycling des Wortschatzes angelegt?

5. SPRACHLICHE MITTEL
Welche grammatischen Strukturen werden eingeführt? Werden sie als Selbstzweck behandelt (isolierte Grammatikübungen, Regelseiten) oder im Dienst einer kommunikativen Aufgabe? Gibt es einen erkennbaren Zusammenhang zwischen der Grammatik und der Lernaufgabe?

6. STEINBRUCH-ANALYSE
Erstelle eine Übersicht mit drei Kategorien:
- NUTZEN: Welche Seiten, Texte und Aufgaben sind gut und können direkt übernommen werden?
- ANPASSEN: Welche Inhalte sind im Kern brauchbar, sollten aber modifiziert werden? Was genau ändern?
- WEGLASSEN/ERSETZEN: Welche Inhalte haben keinen Mehrwert für kompetenzorientierten Unterricht und können gestrichen oder durch bessere Alternativen ersetzt werden?

Gib bitte konkrete Seitenzahlen an, wo immer möglich. Fasse am Ende in drei bis vier Sätzen zusammen, wie du die Qualität der Unit insgesamt einschätzt und was der wichtigste Hebel für eine Verbesserung wäre.

Die Lernaufgabe ist der Ausgangspunkt jeder Planung. Nicht das Lehrwerkskapitel, nicht die Grammatikprogression, nicht der Vokabeltest. Die zentrale Frage lautet: Was sollen die Lernenden am Ende dieser Einheit tun können, und für wen tun sie es?

Backward Design: Wir planen rückwärts. Zuerst steht die Lernaufgabe fest; dann wird überlegt, welche Teilschritte (Mini-Tasks) auf dem Weg dorthin nötig sind, welche sprachlichen Mittel die Lernenden brauchen und welche Materialien (auch aus dem Lehrwerk) dafür nützlich sind.

Eine gute Lernaufgabe hat einen kommunikativen Sinn: Sie richtet sich an einen realen oder zumindest realistischen Adressaten und erfüllt einen Zweck jenseits der Notengebung. Viele Lehrwerke schlagen Unit Tasks vor, die diesen Anspruch nicht erfüllen. In solchen Fallen kann die Aufgabe angepasst (upcycled) oder ersetzt werden.

Prüfstein für die Lernaufgabe: Wurde jemand diese Aufgabe auch dann bearbeiten wollen, wenn es keine Note dafür gabe? Hat die Aufgabe einen Adressaten, der nicht die Lehrkraft ist? Fördert sie echte Sprachverwendung oder nur Sprachdisplay?

Nicht jede Einheit kann alle Kompetenzen gleichzeitig fördern. Kompetenzorientierung bedeutet, bewusst zu priorisieren: Welche zwei bis drei kommunikativen Teilkompetenzen stehen im Fokus dieser Einheit? Das Kerncurriculum beschreibt die erwarteten Kompetenzniveaus pro Jahrgang; der schulinterne Arbeitsplan ordnet sie den Einheiten zu.

Kommunikative Teilkompetenzen: Hör-/Hörsehverstehen, Leseverstehen, Sprechen (zusammenhängend und an Gesprächen teilnehmend), Schreiben, Sprachmittlung. Dazu kommen interkulturelle Kompetenz und Methodenkompetenz als übergreifende Bereiche.

Paul Nation beschreibt vier Stränge, die in einem ausgewogenen Sprachlernprogramm jeweils etwa ein Viertel der Unterrichtszeit einnehmen sollten. Die meisten schulinternen Curricula sind stark auf den dritten Strang (Language-Focused Learning) verzerrt; die anderen drei kommen zu kurz. Wer die Verteilung bewusst plant und dokumentiert, sieht das Ungleichgewicht sofort.

Meaning-Focused Input
Lesen und Hören zur Informationsentnahme; Texte und Medien, die auf Verstehen ausgerichtet sind; rezeptive Kompetenzentwicklung.
Meaning-Focused Output
Sprechen und Schreiben mit kommunikativem Zweck; die Lernenden produzieren Sprache, um etwas mitzuteilen, nicht um Sprache zu üben.
Language-Focused Learning
Gezielte Arbeit an Sprache: Lexikogrammatik, Aussprache, Rechtschreibung. Dieser Strang ist wichtig, aber er ist ein Viertel, nicht die Hauptsache.
Fluency Development
Aktivitäten, bei denen die Lernenden bereits Bekanntes flüssig anwenden: Timed Writing, Speed Reading, freie Gesprache, Wiederholungen unter Zeitdruck.
Gleichgewichtsprüfung: Wenn die Unterrichtszeit einer Einheit ungefähr zu gleichen Teilen auf die vier Stränge verteilt ist, entsteht ein robustes Lernprogramm. Starke Abweichungen (z.B. 60% Language-Focused Learning) deuten auf ein Ungleichgewicht hin, das hinterfragt werden sollte.

Wortschatzarbeit ist kein Nebenschauplatz und kein Testgegenstand. Sie ist ein eigenständiger didaktischer Planungsbereich, der wissenschaftlich fundiert gestaltet werden muss. Dabei gilt: Grammatik und Lexik sind nicht getrennt zu denken. Der Lexical Approach (Lewis) und das Konzept der Lexikogrammatik zeigen, dass Sprache nicht aus Wörtern plus Regeln besteht, sondern aus lexikogrammatischen Einheiten, also Chunks, Kollokationen und Phrasemen, die als Ganzes gelernt und abgerufen werden.

Lexikogrammatik: Statt Vokabeln und Grammatik getrennt zu unterrichten, werden sprachliche Mittel als lexikogrammatische Einheiten vermittelt. Das bedeutet: nicht to look plus die Regel „Verb + Präposition" lernen, sondern to look forward to + -ing als Ganzes. Die Grenze zwischen Wortschatz und Grammatik ist eine künstliche; das mentale Lexikon kennt sie nicht.

Welcher Wortschatz ist für die Lernaufgabe funktional notwendig?

Die Auswahl des relevanten Wortschatzes erfolgt nicht nach Lehrwerkskapiteln, sondern nach der Frage: Welche lexikogrammatischen Mittel brauchen die Lernenden, um die Lernaufgabe erfolgreich zu bewältigen? Nicht alles, was im Lehrwerk steht, ist relevant; und nicht alles, was relevant ist, steht im Lehrwerk.

Technique Feature Analysis (TFA) nach Nation: Die TFA bietet 16 Kriterien, an denen sich die Qualität einer Wortschatzaktivitat messen lässt. Dazu gehören unter anderem Motivation, Retrieval, Recall, Spacing, generatives Verwenden und die Tiefe der Verarbeitung (vgl. auch das TOPRA-Modell). Je mehr Kriterien eine Aktivitat erfüllt, desto nachhaltiger ist das Lernen. Isolierte Vokabeltests erfüllen in der Regel höchstens zwei bis drei dieser Kriterien.

Das Kerncurriculum Niedersachsen stellt klar: Lexikalische, grammatische, orthographische und phonologische Teilleistungen haben eine dienende Funktion. Sie sind kein Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck der Kommunikation. In der Einheitenplanung bedeutet das: Grammatische Strukturen werden nicht um ihrer selbst willen behandelt, sondern weil die Lernenden sie für die Lernaufgabe brauchen.

Rahmung statt Isolierung: Nicht „Unit 3: present perfect progressive", sondern: „Die Lernenden brauchen das present perfect progressive, um in ihrem Travel Blog über Erfahrungen zu berichten." Der Inhalt ist derselbe; die Rahmung macht den didaktischen Unterschied.

Das Lehrwerk ist eine Ressource, kein Fahrplan. Das Kerncurriculum Niedersachsen weist die Fachkonferenzen an, eine sinnvolle Auswahl aus den Lehrwerksinhalten zu treffen. Das heißt: bewusst entscheiden, was genutzt, was angepasst und was weggelassen wird. Kolleginnen und Kollegen abzuholen bedeutet nicht, das Buch für überflüssig zu erklaren, sondern zu zeigen, wie man es klüger einsetzt.

Was nutzen wir, was passen wir an, was ersetzen wir?

Die Leistungsüberprüfung muss zur Lernaufgabe passen, nicht umgekehrt. Das Kerncurriculum fordert, dass schriftliche Lernkontrollen ausschließlich kommunikative Teilkompetenzen überprüfen. Seit dem Erlass vom 1. August 2025 können in Niedersachsen bis zu 50% der Klassenarbeiten durch alternative Formate ersetzt werden: Podcasts, Präsentationen, Portfolios, mundliche Prüfungen.

Kohärenz zwischen Unterricht und Prüfung: Wenn die Lernaufgabe einen Travel Blog vorsieht, dann ist eine Klassenarbeit, in der isoliert Grammatik abgefragt wird, nicht kohärent. Die Prüfung sollte möglichst direkt an die Lernaufgabe anschließen; im besten Fall ist die Lernaufgabe die Prüfung.

Eine einzelne Einheit steht nie für sich allein. Kompetenzen entwickeln sich spiralcurricular; Wortschatz muss über Wochen und Monate hinweg recycelt werden, damit er ins Langzeitgedächtnis ubergeht. Dieser Abschnitt zwingt dazu, die Einheit im größeren Zusammenhang zu denken und Spaced Practice curricular zu verankern, statt es dem Zufall zu überlassen.

Spacing als Systementscheidung: Ebbinghaus' Vergessenskurve zeigt: Ohne regelmäßige Wiederholung gehen bis zu 70% des Gelernten innerhalb von 24 Stunden verloren. Verteiltes Lernen (Spaced Practice) ist um ein Vielfaches effektiver als geballtes Lernen, selbst bei gleicher Gesamtlernzeit. Das bedeutet: Die Frage „Wann taucht dieser Wortschatz wieder auf?" muss Teil der Curriculumsplanung sein, nicht eine Hoffnung.

Die folgenden Quellen bilden die wissenschaftliche und curriculare Grundlage dieses Planungsgerüsts.

Fachdidaktik und Forschung

Ellis, Rod. Task-Based Language Learning and Teaching. Oxford UP, 2003.

Lewis, Michael. The Lexical Approach: The State of ELT and a Way Forward. Language Teaching Publications, 1993.

Nation, I.S.P. Learning Vocabulary in Another Language. 3rd ed., Cambridge UP, 2022.

Nation, I.S.P. "The Four Strands." Innovation in Language Learning and Teaching, vol. 1, no. 1, 2007, pp. 2-13.

Curriculare Grundlagen (Niedersachsen)

Niedersächsisches Kultusministerium. Kerncurriculum für das Gymnasium, Schuljahrgänge 5-10: Englisch. Hannover, 2015.

Niedersächsisches Kultusministerium. Kerncurriculum für das Gymnasium, gymnasiale Oberstufe: Englisch. Hannover, 2017.

Niedersächsisches Kultusministerium. Kerncurriculum für das Gymnasium, Schuljahrgänge 6-10: Spanisch. Hannover, 2024.

Niedersächsisches Kultusministerium. Kerncurriculum für das Gymnasium, Schuljahrgänge 6-10: Französisch. Hannover, 2025.

Niedersächsisches Kultusministerium. Die Arbeit in den Schuljahrgängen 5 bis 10 des Gymnasiums. RdErl. d. MK v. 01.08.2025. Hannover.

Niedersächsisches Kultusministerium. Erlass "Aufgabenformate in den modernen Fremdsprachen." 02.11.2015. Hannover.

Niedersächsisches Kultusministerium. Erlass "Bewertung von Klassenarbeiten: Kombinierte Aufgaben." 04.09.2019. Hannover.

Niedersächsisches Kultusministerium. Materialien für kompetenzorientierten Unterricht Englisch Sek I. Hannover, 2020.